Identitätstheorien: Identitätstheorie nach Erik H. Erikson

Wie in den beiden vorherigen Kapiteln werde ich auch hier eine Identitätstheorie vorstellen und zwar die aus psychoanalytischer Sicht Eriksons.

E.H. Erikson wurde 1902 in Deutschland, genauergesagt in Frankfurt, geboren. Lange Zeit trug er den Nachnamen Homberger, doch als er amerikanischer Staatsbürger wurde, änderte er seinen Namen auf Erik Erikson. Das Thema Identität durchzog sein eigenes Leben sehr stark. Sein biologischer Vater war Däne und seine Mutter war Jüdin. Einerseits wurde er in seiner Schule als Norde bezeichnet, andererseits wiederum als Jude. Erikson wollte Künstler werden. Später lehrte er dann Kunst und machte ein Zertifikat zum Montessori Lehrer. Er Lehrte u.a. an Yale und Harvard. Anna Freud kannte er persönlich und wurde von ihr therapiert. Auch wurde er beinflusst von Sigmund Freuds Theorien. E.H. Erikson starb 1994 im stolzen Alter von 92 Jahren.
(vgl. http://www.ship.edu/~cgboeree/erikson .7.1.2003)

Ein Kind bekommt ein erstes Gefühl von der eigenen Identität, wenn es sich klar wird, dass es ein Individuum ist d.h. wenn es merkt, dass es eigene Gedanken und Erinnerungen hat und sich so von seiner Umwelt abhebt. (vgl. Fachlexikon der Sozialen Arbeit, 1997, S. 479)

Im allgemeinen geht es bei Erikson darum, die Lebenserfahrungen die ein Mensch bisher gesammelt hat zu einem Gefühl der Einheit und Ganzheit zusammenzufassen. (vgl. Ahrbeck, 1997, S. 31)

Erikson entwickelte eine Entwicklungstheorie, die auf der Basis von Freuds Dreiphasentheorie ist, diese aber auf 8 Phasen erweitert.

1. Ur-Vertrauen gegen Ur-Mißtrauen

Die erste Phase ist gleichzusetzen mit der Freudschen oralen Phase und umfasst ca. das erste Lebensjahr.
Unter Ur-Vertrauen versteht Erikson eine auf die Erfahrung des ersten Lebensjahres zurückgehende Einstellung zu sich selbst und zur Welt... und weiter: Mit „Vertrauen“ meine ich das, was man im allgemeinen als ein Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens kennt, und zwar in bezug auf die Glaubwürdigkeit anderer wie die Zuverläsigkeit seiner selbst (Erikson, 1974, S. 62 zitiert in Ahrbeck, 1997, S. 43)

2. Autonomie gegen Scham und Zweifel

Diese Phase umfasst ca. das zweite und dritte Lebensjahr.
Thema dieser Stufe ist u.a. die Sauberkeitserziehung. Hier soll das Kind lernen, selbst über den Ausscheidungsvorgang zu bestimmen: Aus einer Empfindung der Selbstbeherrschung ohne Verlust des Selbstwertgefühls entsteht ein dauerndes Gefühl von Autonomie und Stolz; aus einer Empfindung muskulären und analen Unvermögens, aus dem Verlust der Selbstkontrolle und dem übermäßigen Eingreifen der Eltern entsteht ein dauerndes Gefühl von Zweifel und Scham (Erikson 1974, S. 78f. zitiert in: Ahrbeck 1997, S. 44)

3. Initiative gegen Schuldgefühle

Im vierten und fünften Lebensjahr lernt das Kind sich seine Umwelt immer mehr durch die Sprache und die erweiterten Bewegungsmöglichkeiten zu erschließen. Psychoanalytisch wird hier die ödipale Phase angesprochen. Je nachdem wie die ödipale Konfliktsituation gelöst wird, gelingt es dem Kind, seine sozialen Ziele zu wählen und diese auch zu verfolgen oder es bleibt von Gefühlen der Schuld und Angst dominiert.

4. Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühle

Diese Phase umfasst den Zeitraum bis zur Pubertät und schließt auch die Schuljahre mit ein. Durch den Schulbesuch hat das Kind einen eigenen Lebensbereich gefunden und ist im Begriff sich diesen immer weiter zu erschließen. Ein teilweises sich Entfernen von den Eltern bleibt hier nicht aus. Wichtig ist in dieser Stufe, dass das Kind lernt, sich mit Gegenständen und Materialien auseinanderzusetzen und ein Gefühl der Nützlichkeit erwirbt. Werksinn und Minderwertigkeitsgefühl entwickelt sich in dem Maße, wie es dem Kind möglich wird dies umzusetzen.

5. Identität gegen Identitätsdiffusion

Mit Beginn der Adoleszens und Geschlechtsreife tritt eine Neuorientierung ein. Durch die Ablösung von den Eltern werden soziale Rollen und das eigene Selbstverständnis neu definiert.
Die Adoleszens ist ein schwieriger Lebensabschnitt, weil in ihr die Integrierung aller bisherigen Lebenserfahrungen im Sinne der Ich-Identität notwendig wird. Erikson schreibt hierzu:

Jene endgültige Identität also, die am Ende der Adoleszenz entsteht, ist jeder einzelnen Identifikation mit den Beziehungspersonen der Vergangenheit druchaus übergeordnet; sie schließt alle wichtigen Identifikationen ein, aber verändert sich auch, um aus ihnen ein einzigartiges und einigermaßen zusammenhängendes Ganzes zu machen. (Erikson 1974, S. 139 zitiert in Ahrbeck 1997, S. 45)

Die Ich-Identität kann erst entwickelt werden, so Eriksons Auffassung, wenn die vorherrschenden Konflikte in den jeweiligen Entwicklungsphasen bewältigt wurden. Ist dies nicht der Fall, ist eine Entstehung der sogenannten Identitätsdiffusion wahrscheinlicher.

Unter Identitätsdiffusion versteht Erikson die vorübergehende oder auch andauernde Unfähigkeit des Ichs eine Identität zu entwickeln (Ahrbeck 1997, S. 45).

In den drei vorligenden Phasen beschreibt Erikson die Entwicklungsstadien des Erwachsenenlebens, die sich an die Adoleszens anschließen. Diese Stufen sollen hier alledings nur genannt werden:

6. Intimität und Distanzierung gegen Selbstbezogenheit
7. Generativität gegen Stagnierung
8. Integrität gegen Verzweiflung und Ekel

Die Identitätsbildung bezieht sich auch auf die Lebensphasen. Die Adoleszens ist zwar das Stadium einer sichtbaren Identitätskrise, dies bedeutet aber nicht, daß die Identitätsbildung mit der Adoleszenz beginne oder ende: sie ist vielmehr eine lebenslange Entwicklung, die für das Individuum und seine Gesellschaft weitgehend unbewußt verläuft (Erikson 1974, S. 140f. zitiert in Ahrbeck 1997, S. 46)

Gehörlosigkeit und Identität - Vordiplomarbeit, vorgelegt im Fachbereich Sozialwesen Fachhochschule Fulda, Wintersemester 2002/2003