Identitätstheorien: Identitätstheorie nach Lothar Krappmann

Lothar Krappmann bezieht sich ganz stark auf die Theorie des Selbst nach Mead. Er versuchte allerdings die Mängel in Meads und einigen anderen soziologischen Selbst- und Identitätstheorien aufzuarbeiten und zu verbessern bzw zu ergänzen.

Krappmann weist darauf hin, dass Mead in seiner Theorie des Selbst nicht genau genug darauf hinweist, was er unter dem Kern des Selbst versteht: Es wird bei G.H. Mead nicht recht klar, woher das „I“ seine Kraft bezieht, die Erwartungen der anderen so zu interpretieren, daß es seine Einmaligkeit in ihnen ausdrücken kann. (Krappmann, 1974, S. 134)

Krappmann unterscheidet zwischen gesellschaftlichen und individuellen identitätsfördernden Bedingungen. Unter gesellschaftlichen Bedingungen versteht er u.a. flexible Normensysteme, die es ermöglichen die eigenen Rollen neu- und umzuinterpretieren. Die individuellen Fähigkeiten werden bei Krappmann oft besonders hervorgehoben. Die Fähigkeit, sich in Interaktionsprozessen immer wieder neu definieren zu können, ist Vorraussetzung und Folge der Identitätsbildung. (vgl. Ahrbeck, 1997, S.37)

Als individuelle Fähigkeiten haben sich folgende vier herauskristallisiert, die ich auch noch weiter erläutern möchte:
1. Rollendistanz
2. „Role taking“ und Empathie
3. Ambiguitätstoleranz (und Abwehrmechanismen)
4. Identitätsdarstellung

1. Rollendistanz

Die erste Fähigkeit, die Krappmann beschreibt, ist die Rollendistanz. Unter Rollendistanz versteht er, daß das Individuum überhaupt in der Lage ist, sich Normen gegenüber reflektierend und interpretierend zu verhalten (Krappmann 1975, S. 133) Es ist auch von Bedeutung, sich selbst klar zu werden in welcher Rolle man sich gerade befindet und welche Rollenerwartungen die Umwelt an einen stellt. Wenn man dies erkennt, kann man die Rollenerwartungen überdenken, negieren, modifizieren und interpretieren. Eine Identitäsbildung kann kaum gelingen, wenn man sich ausschließlich den Rollenerwartungen anderer anpasst, oder sie überhaupt nicht beachtet bzw. wahrnimmt. (vgl. Ahrbeck, 1997, S. 38)

Rollendistanz kann nicht nur als Voraussetzung für die Identitätsgewinnung angesehen werden, sondern wenn Rollendistanz auftritt, muss das Individuum die Ich-Identität schon in einem gewissen Maße erreicht haben. (vgl. Krappmann, 1974, S.137f.)

2. „Role taking“ und Empathie

Rollendistanz wird bei Krappmann als Vorraussetzung für das „Role taking“ angesehen. Unter dem Begriff „Role taking“ wird die Fähigkeit sich in andere Menschen und ihre Rollen hineinzuversetzen verstanden. Im allgemeinen wird diese Fähigkeit auch als Empathie bezeichnet. (vgl. Ahrbeck, 1997, S. 38)

Krappmann schreibt hierzu:

„Role taking“ ist ein Prozeß, in dem antizipierte Erwartungen ständig getestet und aufgrund neuen Materials, das der fortschreitende Prozeß liefert, immer wieder revidiert werden, bis sich die Interpretationen einer bestimmten Situation und ihrer Erfordernisse unter den beteiligten Interaktionspartnern einander angenähert haben. (Krappmann 1975, S. 145)

Ebenso wie bei der Rollendistanz, kann Empathie die Identitätsbildung fördern, setzt aber auch vorraus, dass schon ein Teil der Identität gebildet wurde:

Auch Empathie ist sowohl Vorraussetzung wie Korrelat von Ich-Identität. Ohne die Fähigkeit, die Erwartungen der anderen zu antizipieren, ist die Formulierung einer Ich-Identität nicht denkbar. Jedoch bestimmt auch die jeweils ausbalancierte Ich-Identität durch die Art, in der sie Normen und Bedürnisdispositionen aufgenommen hat, die Möglichkeit des „role talking“ mit: Die Ich-Identität, die das Individuum in einer bestimmten Situation errichtet, legt Grenzen fest, über die hinweg der Person „role talking“ schwerfällt. (Krappmann 1975, S. 143)

Ist die Ich-Identität durch vielfältige Rollenerfahrungen gelungen, fällt es dem Individuum leichter sich in Rollenerwartungen anderer hineinzuversetzen. Unangenehme Rollenerwartungen, die an das Individuum herangetragen werden, werden nicht gleich zu einer Bedrohung der Identität.
Tritt allerdings das Gegenteil ein und ist die Ich-Identität nur wenig ausgebildet, werden auch neue Rollenerfahrungen und Rollenerwartungen anderer kaum aufgenommen, aus Angst die eigenen Identität zu gefährden. (vgl. Ahrbeck, 1997, S. 39)

3. Ambiguitätstoleranz (und Abwehrmechanismen)

Unter Ambiguitätstoleranz versteht man die Fähigkeit, widersprüchliche Bedürfnisse auzuhalten. Durch die Rollendistanz und Empathie, lernt das Individuum neue und auch widersprüchliche Daten und Mitteilungen wahrzunehmen und selbst zum Ausdruck zu bringen. Die widersprüchlichen Erwartungen, stellen auch eine Belastung dar, weil die Erwartungen der anderen, den eigenen entgegengesetzt werden. (vgl. Krappmann, 1975, S. 150)

Für Krappmann hat die Ambiguitätstoleranz eine wichtige Bedeutung in der Identitäsbildung:

Die Ambiguitätstoleranz ist die, für die Identitätsbildung mutmaßlich entscheidendste Variable, weil Identitätsbildung offenbar immer wieder verlangt, konfligierende Identifikationen zu synthetisieren. Ohne sie ist ein Individuum nicht in der Lage, angesichts der in Interaktion notwendigerweise auftretenden Ambiguitäten und unter Berücksichtigung seiner Beteiligung an anderen Interaktionssystemen und einer aufrechtzuerhaltenden biographischen Kontinuität zu handeln. ... Die Errichtung einer individuierten Ich-Identität lebt von Konflikten und Ambiguitäten. Werden Handlungsalternativen, Inkonsistenzen und Inkompatibilitäten verdrängt oder geleugnet, fehlt dem Individuum die Möglichkeit, seine besondere Stellung angesichts spezifischer Konflikte darzustellen. (Krappmann, 1975, S.40)

Zu Abwehrmechanismen kommt es, wenn die Ambiguitätstoleranz des Individuums in einer bestimmten Situation nicht ausreichend vorhanden ist oder wenn eine Situation so widersprüchlich ist, dass ein zu hohes Maß an Ambiguitätstoleranz gefordert wird. (vgl. Ahrbeck, 1997, S. 40)

Das Individuum kann sich den Schwierigkeiten auf zwei Arten entziehen. Im ersten Fall verdrängt es alle Widersprüche zwischen den Erwartungen anderer und den eigenen Bedürfnissen. Die eigenen Bedürfnisse werden übergangen, zurückgestellt oder modifiziert. (vgl. Krappmann, 1975, S. 155)

Im zweiten Fall gelten die Rollenerwartungen der anderen als nicht existent. Das Individuum beharrt alleine auf den eigenen Bedürfnissen. Die Rollenerwartungen werden nicht kritisch hinterfragt, sondern ihre Bedeutung wird einfach geleugnet. (vgl. Ahrbeck, 1997, S. 40)

4. Identitätsdarstellung

Die Selbstdarstellung der eigenen Identität ist sehr stark an den interaktionalen Zusammenhang gebunden und ist situationsabhängig. (vgl. Ahrbeck, 1997, S. 41)

Das Individuum ist bemüht seine eigene Identität darzustellen, geht aber über die konkrete Interaktion hinaus und streut noch weitere, für seine Person wichtige Informationen ein:

Das Individuum kokettiert mit Rollen, spielt mit ihnen, überdramatisiert sie und bringt auf all diesen Wegen ein Element von Fragwürdigkeit, von Ambivalenz und Distanz in sein Handeln, das dem Beobachter Anlaß ist zu prüfen, wie das, was sein Gegenüber tut, zu verstehen ist. (Krappmann, 1975, S. 170)

In schwierigen Situationen hilft es die Ich-Identität zu wahren, wenn das Individuum es schafft, die divergierenden Anforderungen, unterschiedlicher Rollenerwartungen nach außen hin darzustellen.
Auch die Fähigkeit, Identität zu präsentieren, ist Vorraussetzung und Folge der Ich-Identität zugleich. (vgl. Ahrbeck, 1997, S. 41)

Gehörlosigkeit und Identität - Vordiplomarbeit, vorgelegt im Fachbereich Sozialwesen Fachhochschule Fulda, Wintersemester 2002/2003