Dieses Kapitel befasst sich mit der Idenitätstheorie bzw. dem Begriff des „Selbst“ nach Georg H. Mead. Da eine umfassende und ausführliche Erläuterung dieser soziologischen Identitätstheorie nach Mead den Rahmen dieser Vordiplomarbeit sprengen würde, beschränke ich mich auf die für das Thema wichtigsten Aspekte, die überwiegend die Entwicklung des Selbst beim einzelnen Menschen einschließen. Am Anfang möchte ich erst ein wenig zu der Person George Herbert Mead schreiben.
George Herbert Mead wurde 1863 als Sohn eines College-Professors und einer College-Professorin für Theologie (beide am Oberlin College) geboren.
1879 tritt selbst ins Oberlin College ein, um Geistlicher zu werden.
1883 schließt Mead das College ab und wird Lehrer, jedoch nur für vier Monate
Von 1883 bis 1986 arbeitet Mead als Vermessungsingenieur
1887 beginnt Mead das Studium in Harvard, wechselt dort von der
1891 nimmt Mead das Angebot an, Psychologie an der University of Michigan zu lehren; er trifft dort auf John Dewey und Charles Horton Cooley
1894 wechselte Mead zusammen mit Dewey an die 1892 gegründete University of Chicago, an der er bis zu seinem Tode lehrt.
Am 26. April 1931 starb Mead.
(vgl. http://userpage.fu-berlin.de/~wenzelha/Folien_290102.pdf)
Nach G.H. Mead ist die Identität des Menschen nicht von Geburt an vorhanden, sondern entsteht innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses des jeweiligen Idividuums (vgl. Mead, 1973, S. 177).
Als Kind tritt man anfangs nur mit einer einzelnen Person oder mit sehr wenigen primären Bezugspersonen in Kommunikation und Interaktion. Durch den vermehrten Kontakt mit unterschiedlichen Personen, lernt der Mensch sich von außen, das heißt aus der Sicht der anderen Personen, zu betrachten und deren Rollenerwartungen an die eigene Person wahrzunehmen. Er lernt also sich selbst so wahrzunehmen, wie es andere tun würden. Mead beschreibt die Entwicklung des Selbst so:
Der Einzelne erfährt sich – nicht direkt, sondern nur indirekt – aus der besonderen Sicht anderer Mitglieder der gleichen gesellschaftlichen Gruppe oder aus der verallgemeinerten Sicht der gesellschaftlichen Gruppe als Ganzer, zu der er gehört. Denn er bringt die eigene Erfahrung als eine Identität oder Persönlichkeit nicht direkt oder unmittelbar ins Spiel, nicht indem er für sich selbst zum Subjekt wird, sondern nur insoweit, als er zuerst zu einem Objekt für sich selber wird, genauso wie andere Individuen für ihn oder in seiner Erfahrung Objekte sind; er wird für sich selbst nur zum Objekt, indem er die Haltung anderer Individuen gegenüber sich selbst innerhalb einer gesellschaftlichen Umwelt oder eines Erfahrungs- und Verhaltenskontextes einnimmt, in den er ebenso wie die anderen eingeschaltet ist. (Mead, 1973, S. 180)
Dazu schrieb Ahrbeck:
„Je mehr das Kind mit mehreren [...] in Kommunikation tritt, desto mehr wird sich das einstellen, was Mead als zentrales Entwicklungsziel angibt: das „vollständige Selbst“.“ (Ahrbeck, 1997, S. 35) Für die Beschreibung des „vollständigen Selbst“ spielen bei Mead zwei Begriffe eine besondere Rolle: Das „I“ und das „me“. Zusammenfassend schreibt Schweitzer:
„Als „me“ bezeichnet Mead die Vorstellung von der Wahrnehmung der eigenen Person durch andere. Die durch Rollenübernahme erschlossene Sicht der anderen und schließlich der ganzen Gemeinschaft führt zu einer Selbstwahrnehmung, die durch gesellschaftliche Verhaltenserwartungen geprägt ist. Das „I“ dagegen stelle die aktiv-kreative Antwort des Idividuums dar, mit der es zwar ebenfalls auf eine durch Erwartungen definierte Situation reagiert, mit der es diese Situation zugleich aber von sich aus verändert. Als „me“ wird das Individuum von Konventionen geleitet, während es als „I“ für sozialen Wandel sorgt und seine Fähigkeit zu Neuschöpfungen zeigt.“ (Schweitzer, 1985, S. 29, zitiert in Ahrbeck, 1997, S. 36)
Durch die Aussage Schweitzers wird deutlich, dass der Einzelne nicht nur ein Anpassungsprodukt seiner Umwelt ist, sondern dass dieser auch auf sein soziales Umfeld verändernd einwirken kann. (vgl. Ahrbeck, 1997, S. 36)
Zu dem oben genannten möchte ich für das bessere Verständnis und der besseren Anschaulichkeit dieses Themas die Stufen der Identitätsbildung in Tabellenform darstellen. Allerdings möchte ich kurz die Begriffe „play“ und „game“ erläutern. Schon in der Übersetzung vom englischen ins deutsche wird klar, das „play“ kindliches Spiel und „game“ Wettkampf bedeutet. (http://userpage.fu-berlin.de/~wenzelha/Folien_290102.pdf, 9.12.2002):
| Stufen der Identität | Art der Rollenübernahme (Reiz) | Freiheitsgrade der Rollenausführung (Reaktion) |
|---|---|---|
| „play“ | „game“ | Identität der erwachsenen Person |
| Übernahme der Rolle jeweils eines partikularen Anderen, d.h. mehrerer Anderer nur im zeitlichen Nacheinander | Gleichzeitige Übernahme mehrerer Rollen Anderer, die einen funktionalen Zusammenhang bilden | Übernahme der Rollenerwartungen des generalisierten Anderen, d.h. des gesellschaftlichen Funktionszusammen-hangs, die Phase des MICH (me) |
| Erfüllung der Rollenerwartung bzw. Rollenkonformität | Erfüllung der Rollenerwartungen bzw. Rollenkonformität | Erfüllung der Rollenerwartungen bzw. Rollenkonformität und Nichterfüllung/Non- Konformität (Abweichung und Kreativität), die Phase des ICH (I) |
Ein anderer wichtiger Aspekt in Mead’s Theorie des Selbst ist die Sprache. Mead ist der Meinung, dass der Sprachprozess eine maßgebende Rolle in der Entwicklung der Identität einnimmt. Ahrbeck betont in diesem Zusammenhang explizit, dass Mead sich bei dem Begriff Sprache, auf die menschliche Lautsprache (1) bezieht. (vgl. Ahrbeck 1997, S. 35)
Die Sprache ist ein Instrument, mit dem wir unsere Erfahrungen mit anderen reflektieren und austauschen können. Das zeigt, dass durch die Sprache unsere Erfahrungen und Gedanken nicht auf das einzelne Individuum und die eigenen Introspektion beschränkt sind. Nach Ahrbeck bedeutet dies entwicklungspsychologisch, „dass ein Kind erst dann ein Selbst ausbilden kann, wenn die Sprache bereits entwickelt ist. Und umgekehrt: eine sich entwickelnde Sprache kann als Ausdruck der Entwicklung des Selbst angesehen werden.“ (Ahrbeck, 1997, S. 35)
Eine weitere Besonderheit der Sprache (gegenüber den Lauten der Tiere) ist, dass wenn wir ein bestimmtes Wort ausrufen (z.B. Feuer) nicht nur bei anderen eine bestimmte Reaktion auslösen (z.B. die der Flucht oder Angst), sondern auch bei uns selbst, sofern wir das Verhalten der Umwelt in uns hineinnehmen können. Wir können dann unser Verhalten (hier der Flucht) überdenken und eventuell auf das weitere Verhalten der Umwelt (andere Personen) durch die Übermittlung von Gesten einwirken. Diese Möglichkeit der Reflektion unseres Verhaltens unterscheidet uns maßgeblich von dem (Flucht-) Verhalten der Tiere. (vgl. Mead, 1973, S. 234)
Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Entwicklung der Sprache als Vorraussetzung und Folge der Identitätsentwicklung angesehen werden kann. Für Mead ist die Entwicklung von Geist und Denken, ohne die Sprache, unvorstellbar. (vgl. Mead, 1973, S. 235)
Auch ist Mead der Meinung, dass ohne die Sprache eine Selbstreflexion nicht möglich ist und die Sprache auch als Chance zur Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung sieht.
1.Es stellt sich die Frage, ob die Gebärdensprache der Gehörlosen genauso wie die Lautsprache dazu geeignet ist die Funktion der Selbstreflexion zu erfüllen. (vgl. Ahrbeck, 1997, S. 92)
(1) Meiner Meinung nach benutzt Ahrbeck den Terminus der „menschlichen Lautsprache“ (Ahrbeck, 1997 S. 35), weil einerseits Mead viele Beispiele des tierischen Verhaltens und der tierischen „Sprache“ (sofern man von Sprache reden kann) gibt und zum anderen die Gebärdensprache als Sprache und Kommunikationsform nicht in Meads Überlegungen mit eingeflossen ist.
Gehörlosigkeit und Identität - Vordiplomarbeit, vorgelegt im Fachbereich Sozialwesen Fachhochschule Fulda, Wintersemester 2002/2003