Schlussbemerkung

Zum Schluss möchte ich noch kurz ein paar kritische Anmerkungen machen.

In dem Begriff des Selbst, blendet Mead zentrale Aspekte des menschlichen Seins aus und zwar die Emotionalität und die Triebseite. Somit ist es für Ahrbeck fraglich ob es einen in einem umfassenderen Sinne als auch emotionales Wesen aufgefaßten Menschen gelingen kann, sich in der von Mead gedachten Weise in die Gemeinschaft aller zu integrieren und ein Selbst zu entwickeln. (Ahrbeck, 1997, S. 108) Ahrbeck sieht dies als sehr schwierig an.

Krappmann bemängelt bei Mead, dass er nicht richtig klar macht, was der Kern des Selbst ist. Es wird nicht deutlich, worin die Fähigkeit des Individuums besteht, das „I“ und das „Me“ zu einem Selbst zu integrieren. (vgl. Ahrbeck, 1997, S. 110)

Krappmann fasst diese Problematik auf, allerdings geht er auch sehr stark auf die unmittelbare Interaktion und den Auslgeich eigener und fremder Interessen und Bedürfnisse. Nur am Rande wird die Bedeutung bestimmter Interaktionsparter z.B. der primären Bezugsperson erwähnt. (vgl.Ahrbeck ,1997, S. 123)

Laut Ahrbeck mangelt es dem Identitätsbegriff von Erikson noch an Präzisierung. Jacobsen schreibt hierzu:

Erikson scheint den Begriff „Ich-Identität“ sehr weit, in der Tat allzu weit zu fassen: er läßt ihn „im jeweiligen Zusammenhang für für sich selbst sprechen“ ... und bezieht ihn auf „ein bewußtes Gefühl der individuellen Identität“ oder auf „ein unbewußtes Streben nach einer Kontinuität des persönlichen Charakter“ oder auf ein „Kriterium der stillschweigenden Akte Ichsynthese“ oder auch auf das „Festhalten der inneren Solidarität mit den Idealen und der Identität einer Gruppe“ (Jacobsen 1978, S. 37, zitiert in Ahrbeck, 1997, S. 190)

Mich persönlich überrascht hat, dass alle Theorien in Verbindung mit Identität und Gehörlosigkeit zu dem Schluss kommen, dass Gehörlose Identität nur bruchstückhaft oder kaum in Interaktion mit Hörenden erwerben können. Sehr deutlich geworden ist, dass dies nicht heißt, das Gehörlose keine Identität bilden, sondern ihre Identität vermehrt in der Gehörlosengemeinschasft mit Hilfe der Gebärdensprache als Symbol- und Kommunikationssystem erwerben.

Ich persönlich komme zu der Überzeugung, dass wenn Identität sich aus allen gemachten Erfahrungen bildet sowohl Hörende als auch Gehörlose Individuuen eine Identität entwickeln. Denn jeder Mensch macht Erfahrungen. Welcher Art und wie sich diese auswirken, muss meiner Meinung nach vermehrt Individuell begutachtet werden.

Zum endgültigen Abschluss dieser Arbeit möchte ich ein Gedicht der hochgradig schwerhörigen Sibylle Gurtner anführen und dieses auch unkommentiert stehen lassen.

Ich bin
In mir
Sind viele liebende
Zwei traurige
Mehrere gewöhnliche
Einzelne strahlende
All diese Wesen
Sind mich und ich bin sie alle
Nacheinander
Gleichzeitig
Kreuz und quer

Gehörlosigkeit und Identität - Vordiplomarbeit, vorgelegt im Fachbereich Sozialwesen Fachhochschule Fulda, Wintersemester 2002/2003