Obwohl der Umweltbezug von gehörlosen Kindern von Anfang an eingeschränkt ist, zeigt sich dieses Faktum, unter dem psychischen Aspekt, für die Gesamtentwicklung noch nicht entscheidend.
Das Kind lebt zuer in einem diffusen Umweltbezug und hat noch kein Gefühl einer Selbst-Objekt-Trennung.
Ein Mangel an Sprache bzw. Lautsprachen hat auch zu Beginn der Individuation keine entscheidende Bedeutung.
Ahrbeck betont, dass bei gehörlosen Kindern, ein gestörtes Urvertrauen nicht unbedingt anzunehmen ist. Erst die Gesamtheit von Erfahrungen mit der Umwelt ist entscheidend für die Entwicklung des gehörlosen Kindes. (vgl. S. 189)
Vom zweiten Lebensjahr an stellen sich Schwierigkeiten in der Entwicklung ein, wenn keine ausreichenden Kommunikationsmöglichkeiten zwischen dem gehörlosen Kind und der primären Bezugsperson gegeben sind. Die kognitive aber auch die sozial-emotionale Entwicklung des gehörlosen Kindes wird erschwert.
Erikson ist der Ansicht, dass wenn die frühen Entwicklungsphasen nicht oder nur eingeschränkt bewältigt werden, das negative Auswirkungen auf die späteren Entwicklungsaufgaben des Gehörlosen hat.
Ahrbeck merkt an, dass die Einschränkungen hauptsächlich auf der kommunikativen Ebene liegen, aber auch die Reaktionen der sozialen Umwelt können sich entwicklungsbehindernd auswirken. (vgl. S. 189)
Laut Erikson wird im günstigsten Fall in der Adoleszenz die Erfahrungen der einzelnen Entwicklungsabschnitte zu dem Gefühl der Identität zusammengefasst.
Ahrbeck schreibt erklärend:
Obgleich sich gehörlose Kinder auf der Sachebene in verschiedenen Lebensphasen und Tätigkeitsfeldern, wie zum Beispiel in der Auseinandersetzung mit Werkstoffen in Eriksons Phase der Entwicklung des Werksinnes, als sehr tüchtig erweisen können, bleibt insgesamt festzuhalten: Im Umgang mit Hörenden gelingt es Gehörlosen selbst bei bekannten Personen nur eingeschränkt, ein Gefühl von Einheitlichkeit und Kontinuität zu entwickeln und dieses Gefühl anderen Personen so zu verdeutlichen, wie es von Erikson für eine Identitätsbildung gefordert wird. Fremden hörenden Personen gegenüber ist dies weitgehend unmöglich. (vgl. S. 189f.)
Auch bei der Theorie Eriksons wird darauf hingewiesen, dass ein Gefühl der Einheitlichkeit und Kontinuität und das Vertrauen eine überschaubare Zukunft bewältigen zu können, Gehörlose nur in einer Umgebung erfahren können wo eine umfassende und unbeschwerte Kommunikation möglich ist.
Die Integration in die Welt der Hörenden, im Sinne der Identitätsbildung Eriksons ist nur ansatzweise, also unzureichend zu bewältigen. (vgl. S. 190)
Gehörlosigkeit und Identität - Vordiplomarbeit, vorgelegt im Fachbereich Sozialwesen Fachhochschule Fulda, Wintersemester 2002/2003