Gehörlosigkeit und Identität in der Theorie Krappmanns

Mit der Rollendistanz, dem „role talking“ bzw. der Empathie, der Ambiguitätstoleranz und der Identitätsdarstellung nennt Krappmann vier identitätsfördernde Bedingungen, die erfüllt sein müssen. (vgl. S. 121)
Gehörlose entwickeln im Umgang mit Hörenden nur sehr eingeschränkt die notwendigen Fähigkeiten für eine Identitätsbildung. Als Problem zeigt sich hier die nicht umfassend entwickelte Lautsprache, ihre geringen personale Ausdrucksmöglichkeiten, sowie die Schwierigkeit, andere in ihrem personalen Ausdruck zu verstehen. (vgl. S. 121).

Den Gehörlosen fällt es schwer die Rollenerwartung Hörender umfassend wahrzunehmen und zu entschlüsseln, so ist es auch problematisch eine Rollendistanz zu entwickeln.
Ist die Rollendistanz nur eingeschränkt möglich, wird es für die Gehörlosen noch schwieriger sich im Sinne der Empathie, in die Rollen des anderen hineinzuversetzen.

Ein hohes Ausmaß an Ambiguitätstoleranz ist nötig, um den Belastungen einer tiefergehenden Kommunikation mit Hörenden gewachsen zu sein. Schon von den Anforderungen aus kommunikativer Sicht, dürfte dies für Gehörlose häufig nicht möglich sein.
Im Sinne Krappmanns ist die Identitätsdarstellung gleichbedeutend sich in seiner Einzigartigkeit zu präsentieren ohne einen Aspekt des Selbstes zu verleugnen. Die Identitätsdarstellung ist an so hoch differenzierte lautsprachliche Fähigkeiten, personale Ausdrucksmöglichkeiten und an ein so kunstvoll ausgestaltetes Rollenspiel gebunden, daß Gehörlose über diese Fähigkeit [...] im Umgang mit Hörenden in der Regel nicht verfügen dürften. (Ahrbeck, 1997, S. 122)

Die Theorie Krappmanns als auch Meads sind so stark auf die uneingeschränkte und umfassende Fähigkeit zu kommunizieren aufgebaut, dass diese Fähigkeiten von Gehörlosen kaum erreicht werden können.
Die Identitätsentwicklung ist auch in der Theorie Krappmanns im Umgang von Gehörlosen mit Hörenden nicht vorstellbar.
Nur in der Gehörlosengemeinschaft ist eine erfolgreiche Identitätsbildung Gehörloser möglich, da sich im Sinne Krappmanns nur dort Identität entwickeln kann, wo uneingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten gegeben sind. (vgl. S.122)

Gehörlosigkeit und Identität - Vordiplomarbeit, vorgelegt im Fachbereich Sozialwesen Fachhochschule Fulda, Wintersemester 2002/2003