Gehörlosigkeit und Identität in der Theorie Meads

Im Kapitel 2.1 dieser Arbeit, ist die Frage aufgekommen, ob die Gebärdensprache, genauso wie die Lautsprache, die Funktion der Selbstreflexion erfüllen kann.

Ahrbeck ist der Ansicht, dass die Gebärdensprache der Gehörlosen ein vollwertiges Symbol- und Kommunikationssystem ist. Mead ist der Meinung, dass das Individuum durch die Symbolbildung ein reflektierendes Verhältnis zu sich selbst gewinnen kann. Ahrbeck kommt daraufhin zu dem Schluss, dass die Gebärdensprache, ebenso wie die Lautsprache, es einem Individuum ermöglicht sich selbstreflexiv zu verhalten und das die notwendigen kommunikativen und kognitiven Leistungen auch mit Hilfe der Gebärdensprache erbracht werden können. (vgl. S. 93)

Die Annahme Meads, dass intelligentes Verhalten eine Lautsprachliche Symbolisierungsfähigkeit voraussetzt und eine differenzierte Kommunikation nur mit der Lautsprache möglich ist, ist kritisch zu relativieren. (vgl. S.93)

Gehörlose, die über eine differenzierte Lautsprache oder um entsprechende Kenntnisse in der Gebärdensprache verfügen, verfügen über die gleichen sprachlichen Voraussetungen für eine Selbstreflexion, wie Hörende. (vgl. S. 102)

Ein weiterer wichtiger Aspekt in Meads Theorie ist die Annahme, das sich Identität nur in Interaktion mit anderen bilden kann. Ein vollständiges Selbst wird nach Mead durch Kommunikation und Interaktion mit möglichst vielen Partnern entwickelt. Dies ist durch die eingeschränkte Anzahl an Kommunikationspartern, für Gehörlose schwer. (vgl. S. 102)

Auch vermögen gehörlose Kinder nur mit wenigen hörenden Bezugspersonen intensiv zu agieren. Durch die überwiegend lautsprachliche Kommunikation ist es kaum denkbar, dass das gehörlose Kind die Rollenerwartungen, in gleicher Weise wie bei einem Hörenden, erspüren und eigene Wünsche einbringen kann. Nach Mead ist dies für die Identitätsbildung unerlässlich. Ahrbeck betont, dass es nicht um den bloßen Austausch von Informationen geht, sondern dass es darum geht sich umfassend persönlich in Beziehungen einzubringen: Das Bedürfnis, personal in Erscheinung zu treten, besitzt für Menschen zentrale Bedeutung. Es ist dieses Bedürfnis für alle Menschen ein zentrales Bedürfnis. (Breiner 1986c, S. 72, zitiert in Ahrbeck, 1997, S.103)

Die Sprechstimme Gehörloser wirkt oftmals künstlich und macht so eine persönlichen Ausdruck nicht möglich. Breiner schreibt zusammenfassend:

Es ist nicht nur der zähe Informationsfluß, der die Gehörlosigkeit als Behinderung bestimmt, sondern es ist der Ausfall des Ausdrucks der Sprechstimme und damit das Fehlen der Möglichkeit, personal in seinem Sosein in Erscheinung zu treten.

Und weiter:

Eine Sprache ohne personalen Audruck ist eine Zwecksprache, die solange gebraucht wird, wie es unumgänglich ist; sie ist keine Muttersprache, weil die Begebnung von Person zu Person über das, was wir als personalen Ausruck bezeichnen, weigehend fehlt. (Breiner 1986c, S. 72, zitiert in Ahrbeck, 1997, S. 103)

Trotz der oben genannten Einschränkungen, ist es für Gehörlose möglich Identität zu bilden. Dies geschieht weniger im Verhältnis zu Hörenden, als im Verhältnis zu anderen Gehörlosen, da es dort keine Einschränkungen in den Kommunikationsmöglichkeiten gibt. (vgl. S.107)

Gehörlosigkeit und Identität - Vordiplomarbeit, vorgelegt im Fachbereich Sozialwesen Fachhochschule Fulda, Wintersemester 2002/2003